Kenia im Fernsehen :: TV Tipps

21.08.2007, 22:30 - 23:00, NDR

Die ungleichen Massai-Brüder

Die Tiere sind als erste wach - morgens um halb sieben in der Manyatta, der kleinen Massai-Siedlung. Am Morgen ist es kühl in der Savanne, doch bis der Tee fertig ist, dauert es noch eine Weile. Die Brüder Ezekiel und Moya lieben diese Zeit. Gelegenheit, um von Mann zu Mann zu reden - ungestört von anderen. Beide sind verheiratet, beide haben jeweils vier Kinder. Doch der eine, Moya, ist mit seiner Familie im Dorf geblieben. Der andere, Ezekiel, ist in die Stadt gezogen und nur zu Besuch da. Beide tragen die Schuka, das traditionelle Baumwolltuch. Am Schuhwerk aber erkennt man Städter und Hirten.

Moya und Ezekiel - zwei ungleiche Brüder

Moya ist nie zur Schule gegangen. Ezekiel war auf dem Internat: "Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, in einem solchen Dorf zu leben, sagt Ezekiel. Bevor ich auf die Schule kam, da war das in Ordnung. Aber das Leben hier ist ganz schön hart, und nicht sehr komfortabel."

"Das Stadtleben ist nichts für mich", sagt Moya. Ich spreche nicht mal die Sprache der Städter. Nur Maa, unsere Sprache, die Sprache der Masssai. Nein, das Leben in der Stadt ist mir zu anstrengend."

Moya ist wie seine Vorfahren Hirte. Seine Rinder und Ziegen sind sein ganzer Stolz. Fünf Kühe gehören ihm selbst, die anderen den Nachbarn in der Manyatta. Da die Wasserstellen oft Stunden entfernt sind, wechselt man sich beim Viehtrieb ab. Als Kinder sind Moya und Ezekiel den Weg oft zusammen gegangen. Doch dann bekam Ezekiel ein Schulstipendium, und von da an trennten sich ihre Wege - Moya blieb bei den Rindern.

Tradition trifft Moderne

Der Weg zu den Viehtränken ist im Lauf der Jahre immer weiter geworden. Heute finden sie Wasser erst am Ende der Schlucht. Rinder sind für die Massai alles. Und sie sind bis heute ihr wichtigstes Eigentum - doch das beginnt sich zu ändern. Ezekiel zeigt seinem Bruder das neue Handy. Nicht dass es in der Schlucht Empfang hätte, aber als Statussymbol eignet es sich allemal. "Natürlich hätte ich auch gern ein Handy", sagt Moya, "aber was soll ich hier damit. Eigentlich ist das nur etwas für die Menschen in der Stadt."

Leben zwischen zwei Welten

Gut drei Autostunden entfernt liegt die Provinzstadt Kajiado. Hier gibt es Autos, Strom, Geschäfte und natürlich Handy-Empfang. Massai-Hirten kommen nur selten, denn in der Regel haben sie kein Geld. Ezekiel kümmert sich hier für eine Stiftung um Stipendien für Massai-Kinder. Auch er wurde einst gefördert, ging zur Schule und zur Universität - und lebt seitdem zwischen zwei Welten. Am Wochenende ist er bei Frau und Kindern in seiner Manyatta. Von Montag bis Freitag arbeitet Ezekiel in der Stadt. Dann wechselt er die Kleidung, aber nicht seine Identität. Im Internet sucht er Mäzene für die Massai-Stiftung. Nach wie vor fühlt er sich seinem Volk verbunden. Ein moderner Kenianer, der im Internet genauso zu Hause ist, wie draußen in der Savanne.

Das harte Leben auf dem Land

Und die Welt seines Bruders Moya? Bis vor zehn Jahren zog er mit seinem Clan und der Herde umher. Doch dann kamen Vermesser der Regierung und wiesen Moya 200 Hektar zu - ein Versuch, die Massai sesshaft zu machen. Seitdem müssen sie zum Wasserholen weit laufen. Jeden Tag zieht Moyas Frau Norm Meschuki mit ihren Nachbarinnen und den Eseln los. Seit 13 Jahren sind Moya und Norm verheiratet. Er war damals 17, sie 12 Jahre alt - nicht ungewöhnlich unter Massai. Inzwischen haben sie vier gemeinsame Kinder.

Die Aufgaben zwischen Mann und Frau sind genau aufgeteilt. "Der Mann kümmert sich um die Herde", sagt Norm Meschuki, "und ich um Wasser, Feuerholz, Kochen und ums Haus." Das wichtigste Baumaterial der Massai ist Kuhdung. Und davon haben sie reichlich. Der Bau der Hütten und ihre Reparatur ist Frauensache. Dung ist ein hervorragender Baustoff: In kalten Nächten hält er warm, während der Regenzeit trocken. Mit Wasser wird der Kuhdung durchgeknetet, und dann das Gerüst aus verflochtenen Ästen verputzt. Während der Bauarbeiten lassen Norm und Moya keine Fremden ins Haus.

Was ist für die Massai schön?

Ihre Nachbarin, die Witwe Namba hat da keine Probleme. Seit dem Tod ihres Mannes wohnt Namba hier mit fünf Kindern auf zwölf Quadratmetern. Die Habseligkeiten passen in einen Metallkoffer mit Vorhängeschloss. Auf dem Bett von Namba ein Laken aus Rindleder. Neben dem Eingang, die Schlafstätte der Kinder. In der Hütte wird geschlafen, gekocht, gegessen - Licht kommt durch ein paar Löcher in den Wänden aus Dung.

Auch Schönheit hat ihren Platz und ihre Zeit. Vor allem nachmittags sitzen die Frauen in der Manyatta zusammen und reihen eine Perle an die andere. Doch was ist für die Massai schön? "Also, eine Massai-Frau muß groß sein", sagt Namba. "Die Zähne müssen weiss sein, die Haut eher braun als schwarz - und schön viel Schmuck muß sie haben." Und was ist ein schöner Mann? "Ein Massai muß gut tanzen können. "Dann kriegt er jede Frau", sagt die Namba. "Auf den Gang, auf seine Haltung kommt es an."

Ziegen und Rinder auf die Weide treiben und abends wieder zurück in den Kraal - das ist Männersache. Die Kinder dürfen helfen. Doch wenn es darum geht, einem kranken Tier ein Antibiotikum zu spritzen, muss Moya ran. Den Impfstoff bezahlen die Massai nicht mir Bargeld, sondern mit Fleisch und Milch. Doch dafür - vor allem für das Melken - sind wieder die Frauen zuständig.

Immer mehr Massai zieht es in die Stadt

In der Stadt beginnen sich Tradition und klassische Rollenverteilung der Massai zu verwischen. Wer hier länger ist, wie Ezekiel ole Katato, legt den Baumwollumhang, die Schuka, ab. Und immer mehr Massai zieht es in die Stadt. Das Land für die Herden wird knapper, weiterführende Schulen gibt es in der Savanne nicht und auch nicht die sonstigen Verlockungen der neuen Zeit. Ezekiel weiß, dass die Massai ohne Ausbildung keine Zukunft haben. Und das wird ihr Leben grundlegend verändern. "Die Massai werden viel verlieren: ihre Tradition, ihre wirklich reiche Kultur, und das Gefühl, dass man als Volk zusammen gehört. Von unserer Identität wird vermutlich nicht viel übrig bleiben."

Nichts wird so bleiben, wie es ist

Moya wird Vieh-Hirte bleiben. Es ist das einzige, was er wirklich kann. Seine Kinder sollen - anders als er - zur Schule gehen. Doch ob sie dann die Herde übernehmen, ist fraglich. Er selbst träumt immer noch von 200 Rindern - denn je mehr ein Massai hat, umso angesehener ist er. Zumindest gilt das noch für die Generation von Moya und seiner Frau Norm Meschuki. "In weniger als zwanzig Jahren wird sich unser Leben völlig verändern. Ich werde dann einer der letzten sein, der weder lesen noch schreiben kann." Die Zukunft kümmert Moya nicht. Er weiß, dass nichts so bleiben wird, wie es ist. Aber seine Herde - die wird er niemals aufgeben.

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